Kategorie: Allgemein

  • Nach der Flucht

    Nach der Flucht

    Amman, 22.08.2022 / CL

    Naem Ahmed Al-Khsharfa hält seine Tochter auf dem Arm. Die Kleine nuckelt Wasser aus einer Kinderflasche. Hinter ihnen löst sich der Putz von der Wand. Die Kinder laufen umher; hüpfen auf den Schoß der Mutter. Eigentlich passiert nicht viel. Und vielleicht ist genau das die Geschichte: Es geht nicht weiter.

    Die Familie Al-Khsharfa stammt aus Dar’a im Süden Syriens. Dort hatte sie ein Haus mit Garten. Schön sei es gewesen, erzählt der Vater, fast wie ein kleines Idyll. Dann kam der Krieg. Ihr Haus sei durch Bomben der Assad-Regierung zerstört worden. Die Familie floh nach Jordanien. Jetzt lebt sie hier, mitten in Amman. Und doch ist sie allein.

    Sicherheit kostet Geld. Man braucht es für die Miete, für Lebensmittel, für die Schule – und letztlich, um am Leben teilhaben zu können. Das gilt auch in Jordanien.

    Ich bin im Rahmen einer Media Mission des UNHCR Jordan zu Gast bei der Familie. Es gibt Tee. Die Kinder kommen und gehen. Ein Mitarbeiter des UNHCR übersetzt.

    Die Flucht sei vorbei, erklärt Mutter Shrouq Adnan. Angekommen seien sie trotzdem nicht. Es mangele an vielem – auch an Freunden in dieser fremden Welt.

    Jordanien als Zufluchtsort

    2022 lebten rund 760.000 registrierte Flüchtlinge in Jordanien. Mehr als 80 Prozent wohnten nicht in Lagern, sondern in Städten und Gemeinden. Amman ist einer dieser Orte. Das sieht dann nicht nach Flüchtlingslager aus. Es sieht eher nach Wohnzimmer aus. Nach einer Wohnung, in der die Tapete fehlt. Und nach einem Alltag, der irgendwie organisiert werden muss: Miete, Essen, Schule, Routine.

    Sultane, der jüngste Sohn, rückt so nah an meine Kamera, dass sein Kopf fast das ganze Bild füllt. Und die Erwachsenen erzählen. Sie erzählen über Syrien, über Jordanien und über das Leben danach.

    Leben ohne Arbeitserlaubnis

    Ein paar Straßen weiter lebt eine Familie aus dem Jemen. Auch sie floh vor einem Krieg – einem anderen. Auch hier sei das Leben schwer. Und auch hier bröckelt der Putz.

    Der Vater zeigt einem Mitarbeiter des UNHCR und mir die Schäden in der Wohnung. Aber der Putz sei nicht sein größtes Problem. Nicht einmal der chronische Husten, den er auf den Schimmel in der Wohnung zurückführt. Geld sei sein größtes Problem.

    Für syrische Geflüchtete hatte Jordanien den Arbeitsmarkt teilweise geöffnet. Nicht-syrische Flüchtlinge, darunter Menschen aus dem Jemen, hatten deutlich schlechtere Möglichkeiten, legal zu arbeiten. Jemeniten hätten es in Jordanien besonders schwer, bekomme ich erklärt. Regulär Geld verdienen dürften sie häufig nicht. Gelegentlich gebe es Arbeit als Tagelöhner. Das meiste, was hereinkomme – und das sei nicht viel –, verdiene er jedoch schwarz.

    „Aber was soll ich denn machen? Betteln? Verhungern?“, fragt der Vater. Er hat Kinder. Eine Familie. Also arbeitet er. Trotzdem. Und dafür landete er bereits mehrfach im Gefängnis. Mehrere kurze Haftstrafen habe er bereits abgesessen, erzählt er. Währenddessen sei seine Familie auf sich allein gestellt.

    Auch seine Töchter hätten längst ihre eigenen Probleme. In der Schule würden sie diskriminiert, sagt der Vater. Mit den anderen Familienmitgliedern sprechen wir kaum. Seine Frau bleibt hinter einem Niqab verborgen und bleibt während des gesamten Besuchs still.

    Die Mädchen laufen durch die Wohnung. Zunächst sind sie schüchtern. Doch die Neugier auf die Fremden ist stärker. Die Kleinste läuft barfuß durch die Räume, ein Smartphone in der Hand. Dann bleibt sie im Türrahmen stehen und schaut mich an. Kinder eben. Nur dass über ihrem Leben Entscheidungen hängen, die Kinder normalerweise nicht treffen müssen. Bleiben? Weiterziehen? Wieder fliehen?

    „Hier bin ich bereits tot“

    Der Vater denkt darüber nach, über die Türkei nach Europa zu gehen. Die Route sei lebensgefährlich, sagt er. Das wisse er. Vielleicht werde er es sich noch einmal überlegen. Dann sagt er: „Aber hier bin ich bereits tot. Und auch meine Familie hat kein Leben.“ Sicherheit vor Bomben ist viel. Aber sie bezahlt keine Miete. Und sie gibt einem Menschen noch keine Arbeit, keine Heimat und keine Vorstellung davon, wie es weitergehen soll.

    Ich verbringe nur wenige Stunden mit den beiden Familien. Dann packe ich meine Kamera wieder ein. Und draußen geht Amman weiter. Autos. Geschäfte. Menschen. Das Leben einer Millionenstadt.

  • Moto Trophy 2022

    Moto Trophy 2022

    Auf dem Flugplatz von Walldürn treffen historische Rennmaschinen auf eine der letzten verbliebenen Bühnen des deutschen Flugplatzrennsports. Die Moto Trophy bewahrt diese Welt nicht im Museum, sondern auf der Strecke.

    Titelbild: Auf dem Flugplatzkurs – Die Odenwald Klassik 2022 auf dem Flugplatz Walldürn. Der nur 1,905 Kilometer lange provisorische Kurs ist kurz und von zahlreichen Beschleunigungs- und Bremsphasen geprägt – ein Überbleibsel aus einer Zeit, in der Motorradrennen noch regelmäßig auf Flugplätzen ausgetragen wurden.

    Für ein Wochenende im Juni 2022 wurde der Flugplatz von Walldürn zu einer Rennstrecke. Auf einem knapp zwei Kilometer langen Kurs aus Start- und Landebahnen, Rollwegen und provisorischen Streckenbegrenzungen traf sich die Moto Trophy zur Odenwald Klassik. Was andernorts auf permanenten Rennanlagen stattfindet, wirkt hier unmittelbarer: Fahrerlager, Zuschauer und Strecke liegen eng beieinander, Boxenanlagen gibt es nicht.

    Flugplatzrennen gehörten einmal selbstverständlich zum europäischen Motorradsport. Bis in die 1980er-Jahre wurden Militär- und Zivilflugplätze regelmäßig zu Rennkursen umfunktioniert, bevor permanente Anlagen diese Form des Motorsports weitgehend verdrängten. Walldürn ist eine der letzten Erinnerungen an diese Zeit. Die Veranstaltung knüpft zugleich an die Tradition des früheren Buchener Dreieckrennens und der zahlreichen Straßenrennen der deutschen Nachkriegszeit an.

    Doch die Odenwald Klassik ist kein rollendes Museum. Bei der Moto Trophy wurden historische Rennmaschinen und Youngtimer tatsächlich unter Rennbedingungen bewegt. Das Feld reichte von klassischen Motorrädern über Zweitakter und Superbikes bis zu Twins und Seitenwagen; zugleich bot die Serie auch jüngeren Fahrern und moderneren Maschinen einen Platz. 2022 waren in Walldürn zudem mit Dieter Braun und Lothar John ehemalige WM-Fahrer zu Gast.

    Im Fahrerlager zeigt sich, was diese Welt am Leben hält. Reifen liegen neben Werkzeug und Ersatzteilen, Motorräder werden zwischen zwei Läufen überprüft und eingestellt. Die Technik ist sichtbar, zugänglich und häufig Jahrzehnte alt. Es geht nicht allein darum, sie zu bewahren. Sie soll funktionieren – und sie soll wieder auf die Strecke.

    Vielleicht liegt darin der eigentliche Reiz dieses Sports: Eine technisch längst überholte Welt wird nicht konserviert, sondern immer wieder neu hergestellt. Für einige Tage werden alte Maschinen vorbereitet, verladen, repariert und gefahren. Und ein Flugplatz wird noch einmal zu dem, was Flugplätze früher gelegentlich waren: eine Rennstrecke.

    Alte Technik im Einsatz – Motoren, Vergaser und mechanische Bauteile bleiben bei vielen Maschinen offen sichtbar. Die Moto Trophy bringt Klassiker und Youngtimer nicht als Ausstellungsstücke zusammen, sondern als funktionierende Rennmotorräder, die weiterhin unter Wettbewerbsbedingungen gefahren werden.

  • Die Bären der Karpaten

    Die Bären der Karpaten

    In den rumänischen Karpaten leben noch große Populationen des Europäischen Braunbären. Wer sie beobachten will, braucht vor allem eines: Geduld. Stundenlang bleibt im Ansitz oft nur der Blick auf den Waldrand – bis sich plötzlich etwas bewegt.

    Die dichten Wälder der rumänischen Karpaten gehören zu den wichtigsten Rückzugsräumen des Braunbären in Europa. WWF Romania geht von mehreren Tausend Tieren im Land aus; entlang des gesamten Karpatenbogens finden die Tiere noch große zusammenhängende Waldgebiete. Besonders wenn sie nicht durch menschliche Nahrungsquellen angelockt werden, meiden Braunbären belebte Orte und bevorzugen ruhige, wenig erschlossene Gebiete.

    Im Herbst 2021 führte mich eine Reise in diese Landschaft. Von einem Ansitz aus wartete ich auf Braunbären, die am Rand des Waldes auftauchten. Wildlife-Beobachtung aus eigens dafür eingerichteten Verstecken ist in Rumänien inzwischen Teil des Naturtourismus. Richtig betrieben soll sie Begegnungen ermöglichen, ohne die Tiere zu bedrängen oder ihr Verhalten zu verändern. WWF Romania empfiehlt dafür unter anderem spezialisierte Führer und warnt ausdrücklich vor künstlicher Fütterung oder Lockmitteln.

    Das Warten verändert den Blick. Zunächst sucht man den Wald ständig nach Bewegung ab. Mit der Zeit werden andere Dinge sichtbar: Lichtwechsel zwischen den Bäumen, Geräusche, Wind, die Konturen des Geländes. Und irgendwann tritt ein Tier aus dem Dunkel, das zuvor nur als Möglichkeit vorhanden war.

    Aus der Nähe verliert der Braunbär schnell etwas von der abstrakten Größe, die ihm in Geschichten und Nachrichten zukommt. Er erscheint nicht als Symbol, sondern als einzelnes Tier: aufmerksam, schwer, erstaunlich leise. In den rumänischen Karpaten ist diese Begegnung noch möglich, weil hier Lebensräume erhalten geblieben sind, in denen große Wildtiere tatsächlich Platz finden. Gleichzeitig gehört das Verhältnis zwischen Mensch und Bär zu den konfliktreichsten Naturschutzfragen des Landes. Schon 2021 wurde intensiv darüber gestritten, wie Schutz, Jagd, Tourismus und die Sicherheit der lokalen Bevölkerung miteinander vereinbart werden können.

    Vielleicht liegt der besondere Reiz eines Ansitzes gerade darin, dass sich eine Begegnung nicht erzwingen lässt. Man kann anreisen, warten, die Kamera vorbereiten. Ob ein Bär erscheint, entscheidet dennoch nicht der Fotograf.

    Braunbär im Wald – Ein Europäischer Braunbär in den rumänischen Karpaten. Die ausgedehnten Wälder des Gebirges gehören zu den bedeutendsten Lebensräumen der Art in Europa.

    Landschaft der Karpaten – Wälder und Bergzüge prägen große Teile der rumänischen Karpaten. Zusammenhängende, vergleichsweise wenig erschlossene Landschaften bieten Braunbären Rückzugsräume, wie sie in vielen Teilen Europas selten geworden sind.

    Begegnung am Ansitz – Braunbären bewegen sich trotz ihrer Größe oft überraschend leise durch den Wald. Beim Bear Watching erfolgt die Beobachtung meist aus festen Verstecken, um Distanz zu halten und Störungen möglichst gering zu halten.